Höher, schneller, weiter - über Grenzen (-losigkeit)

 

Als Kind liebte ich es, die Seiten meiner Bettdecke unter meinen Körper zu stopfen, sodass ich eingepackt wie in einem Kokon da lag. Ich genoss es, wenn mein Gesicht von der frischen Luft berührt wurde, während alles unterhalb meines Kinns wohlig warm war. Wenn mein Papa herein kam, um mir eine gute Nacht zu wünschen, sagte er manchmal, dass mir nur noch eine Zwangsjacke fehlen würde. Ich wusste nicht, was eine Zwangsjacke war.

Kennst du das Bedürfnis nach Geborgenheit? Genauso kennst du sicherlich das Gefühl eingeengt zu sein. Vielleicht fühlst du dich manchmal unsicher. Eventuell nimmst du deinen Körper an manchen Tagen als ausgedehnt wahr, als wäre er ein Fremdkörper. 

Möglicherweise ist es jetzt noch nicht ersichtlich, aber in diesem Blog-Artikel soll es um Grenzen und um Grenzenlosigkeit gehen. Du wirst sehen…

Zu Beginn möchte ich mit dir ein Bild schaffen. Stelle dir dein Haus vor, so wie du es gerne hättest, so wie du dich darin am wohlsten fühlen würdest. Mit einem Garten, der wunderschöne Blumen wachsen lässt und einen Zaun, vielleicht hüfthoch aus Holz. 

All das, was sich hinter dem Zaun verbirgt ist deins. Du freust dich nach Hause zu kommen. Dein Zuhause gibt dir Geborgenheit und Sicherheit. Dies ist ein Ort an dem du dich ausleben kannst, an dem du du sein kannst. 

Nun stell dir vor, dein Nachbar haut den Zaun um, kommt in den Garten, tritt auf die Blumen ein, baut deinen großen Sonnenschirm von der Terrasse ab, spannt ihn sich unter die Arme und geht wieder. 

Das ist eine Frechheit wirst du sagen. Und du hast vollkommen recht. 

Diese Situation spielt sich allerdings bei einem Großteil von uns täglich ab - im übertragenen Sinne. 

Im Grunde genommen geht es also um Grenzübertretungen. Wir können ja mal überlegen, in welchen Situationen wir uns übertrampelt fühlen. Es handelt sich um Alltagssituationen, vielleicht in der Partnerschaft, in der Freundschaft, im Job. Ich persönlich habe die Erfahrung im Job gemacht, wenn ich Erwartungen erfüllen sollte, die gar nicht zu meinen Werten gepasst haben. Ich weiß noch ganz genau, wie ich mich plötzlich eingeengt gefühlt habe, meine Brust eng wurde und mein Atem sehr flach. Als würde eine ganze Armee in meinem Garten stehen. 

Im Beispiel mit dem Haus und dem Garten ist die Lösung so einfach sein Territorium zu verteidigen. Es bedarf vielleicht nur ein einfaches “Raus hier” um Eindringlinge davon zu überzeugen, dass soeben eine Grenze überschritten wurde. Warum ist es dann so schwer, wenn es um zwischenmenschliche Angelegenheiten geht. Darüber habe ich mir lange den Kopf zerbrochen. 

Damit Grenzen nicht überschritten werden können, ist der erste Schritt sich seiner Grenzen bewusst zu sein. Wo ist Schluss? Wo ist der Zaun? Dies ist wichtig, damit unsere Werte nicht mit Füßen getreten werden. 

Die Lösung ist auch einmal Nein zu sagen, Grenzen aufzuzeigen und Regeln aufzustellen. 

Zum Schutz der eigenen Persönlichkeit. Um nicht länger verunsichert zu sein und sich den Kopf zu zerbrechen. Auch manchmal um unserem Gegenüber davor zu schützen unsere Grenzen mit Füßen zu treten. Wie soll er aufpassen, wenn er gar nicht weiß, wie weit er gehen kann?

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Was sind denn “keine Grenzen”?

Vielleicht dann, wenn von uns auf der Arbeit Überstunden erwartet werden, wir uns tierisch darüber ärgern, aber nichts sagen? Vielleicht dann, wenn uns eine Bekannte zum x-ten mal ihr Leid klagt und wir uns wie ein Mülleimer für negative Emotionen fühlen, aber nichts sagen? Vielleicht dann, wenn sich unser Partner darüber beschwert, dass wir uns mal wieder etwas herausputzen könnten, während er uns mit Kindern und Hausarbeit immer alleine lässt und wir nichts sagen? Vielleicht dann, wenn unser Körper nicht mehr kann, ausgemergelt ist, wir aber dennoch die Diät durchziehen und uns aufs Laufband schwingen?

Aus der Arbeit mit vielen, verschiedenen Frauen heraus habe ich erkannt, dass wir unheimlich schlecht darin sind Grenzen zu setzen. Oftmals wissen wir noch nicht mal, wo unsere Grenzen liegen. Besser noch: Wir versuchen mit allen Mitteln keine Grenzen zu haben. Höher, schneller, weiter, schöner, sportlicher, gesünder, Super-Partnerin,Super-Mama, Super-Hausfrau, Super-Mitarbeiterin, Super-schlau, super-cool, super-hilfsbereit, super-flexibel und super-verfügbar, super-fotogen, super-jung und so weiter.

Und wenn wir uns das so durch den Kopf gehen lassen, frage ich mich wo die Medaillen bleiben, wenn das alltägliche Leben einem Wettkampf gleicht.

Wer sind wir, wenn wir zu allem Ja und Amen sagen? Was macht Menschen noch liebenswert, wenn keiner mehr seine eigene Meinung ausspricht, Macken preisgibt und die Dinge so lässt, wie sie sich wirklich gut anfühlen.

Diese Unsicherheit, die wir spüren empfinden wir auch häufig, wenn es um den eigenen Körper geht. Nämlich dann, wenn sich ein Körper grenzenlos anfühlt. Dann, wenn er als zu groß, zu speckig und zu locker angesehen wird. Ein Gefühl, das dem freien Fall gleicht. Keine eigenen vier Wände, die Sicherheit geben. Eher eine Baracke, die kurz vor dem Einsturz steht. Die Wahrnehmung des eigenen Körpers wird unpersönlich. Wir können ihn nicht mehr als den Körper wahrnehmen, der zu uns gehört. Es ist einfach nur der Körper. Ein Körper. Ein ungeliebtes Kind.

Warum ist das so? 

Vielleicht, weil wir vergessen haben, wie man selber in sich selbst hinein spürt und/oder weil unser Fokus ganz woanders liegt in unserem Alltag. Da, wo geschrieben steht, wie wir eigentlich aussehen sollten, da wo uns von außen suggeriert wird, wie wir unser Leben zu führen haben. In einem Hamsterrad, das sich von innen kaum von einer Karriereleiter unterscheidet, haben wir keine Zeit auf uns zu achten. Meist muss erst der Knall kommen. Die Erschöpfung, die uns komplett ausgeknockt. 

Ich werde gerade ironisch.

Ich habe mich an meine eigene Kindheits-Zu-Bett-Geh-Routine erinnert, als mir Werbung für Therapie-Decken angezeigt wurde. Auf der Homepage heißt es, dass diese sogenannten Gewichtsdecken gegen Stress, Angst, Schlafstörungen sowie bei psychophysischen Störungen helfen. Das Gewicht wird gleichmäßig über den Körper verteilt und es soll sich anfühlen wie eine sanfte, liebevolle Umarmung, die entspannen lässt.

Eine einfache Form der positiven Begrenzung ist die Umarmung.

Manchmal habe ich Momente in denen es mir nicht so gut geht. Momente, in denen ich erschöpft, vielleicht traurig und auch mal unzufrieden bin. In solchen Momenten sehne ich mich nach einer Umarmung - mittlerweile weiß ich das. Mittlerweile schaffe ich das auch auszusprechen.

Für mich hat eine Umarmung nicht nur etwas mit Freundschaft und Herzlichkeit zutun. Es gibt verschiedene Arten der Umarmungen. Es gibt Umarmungen zur Begrüßung. Es gibt Umarmungen als Reaktionen der Freude, aber auch zum Trost. Es gibt lange Umarmungen und es gibt kurze Umarmungen. Kalte, wie auch warme. Die Schlimmsten sind die, die sich nicht wie Umarmungen anfühlen. Umarmungen, bei denen sich möglichst wenig Haut berühren soll. Umarmungen mit stolzer Brust, bei denen ich mich fühle, als wollte man mich auf Distanz halten. Und dann gibt es diese, wo zwei Körper eins werden. Bei einer richtigen Umarmung, bei der beide Arme umschlingen, bei der sich die Halswirbelsäule leicht einrundet und bei der sich manchmal sogar die Knie berühren. Meine Meinung.

So ein richtiges In-Arm-Nehmen kann Auslöser für einen riesigen Hormoncocktail sein. Wie oft habe ich gespürt, wie lösend eine solch einfache Geste sein kann. Vielleicht hast du auch die Erfahrung gemacht und es genossen wie nach und nach deine angespannten Schultern wieder gesunken sind oder musstest sogar anfangen zu weinen und hast dich danach viel besser gefühlt.

Welch wundervolle Form der Begrenzung.

Ich las in der Vergangenheit, dass das feste Einpacken in eine Decke eine Methode ist, der sich einige Therapeuten bedienen. Passend hierzu bin ich auf das Wiegenbrett gestoßen. Dies ist eine Methode der früheren Indianer, wobei ein Baby fest auf ein Brett geschnürt wird, sodass nur noch der Kopf oben rausguckt. Dies war nicht nur sehr praktikabel, weil das Brett am Sattel des Pferdes oder auf dem Rücken des Indianers befestigt werden konnte, sondern verhilft auch heute noch einigen Baby zum ruhigeren Schlaf.

Die Technik hört sich sehr seltsam- vielleicht sogar lieblos an und sieht nicht schön aus! Aber je mehr ich danach gegoogelt habe desto mehr hat diese Methode einen Stellenwert für mich. Falls du davon noch nie gehört hast: Google mal! 


Dies könnte eine Notlösung sein, für Momente in denen wir uns nach Nähe, Sicherheit und Geborgenheit sehnen. Einfach sich mal in eine feste Decke einwickeln und diese Form der Begrenzung spüren. Genau der gleichen Technik bedienen sich doch auch viele Meditationstechniken indem immer wieder gesagt wird, dass man auch mal dahin spüren soll, wo der Körper den Untergrund berührt. Es hilft…

Ich habe jedoch auch eine Langzeit-Lösung, von der ich selber profitiert habe. Muskeln. 

Vor einigen Jahren hatte ich genau das Gefühl, das ich oben beschrieben habe. Ich habe mich nicht gut gefühlt in meiner Haut. Zudem war das eine Phase von der ich hier auf meinem Blog oft gesprochen habe. Absolute Unsicherheit, Abweisung und Leere. Ich habe einiges weniger gewogen als heute, nichtsdestotrotz hat sich mein Körper überdimensional weit angefühlt. Das regelmäßige Training hat mir geholfen. Ich spüre Muskeln unter meiner Haut, die mir das Gefühl geben in meinem Körper zuhause zu sein. Und diese Stärke spüre ich auch innerlich. Als es noch ganz akut war, brauchte ich Muskelkater - einfach als Feedback. 

Aber wie überall im Leben, geht es hier genauso um Balance, die wichtig ist. Wie wir unserer Haus auch mal verlassen, wenn die eigenen Decke auf den Kopf fällt, können wir neues ausprobieren sofern wir das wollen. Wir können immer zurückkommen. Wir können einen neues Hobby ausprobieren, neue Menschen kennen lernen, neue Orte erkunden. Vielleicht liegen uns bestimmte Dinge ganz besonders und andere gar nicht. Das ist ok. Dann haben wir möglicherweise eine Grenze erreicht. Wir stehen dazu und das gibt Ruhe. Wir leben nämlich nicht im Wettkampf zu anderen.

 
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Es gibt ganz viele Dinge, die wir nicht können und es gibt ganz viele Dinge, in denen wir sehr gut sind. Dazu zu stehen zwingt uns nicht in ein Territorium, das gar nicht unseres ist.

Grenzen geben Orientierung. Orientierung gibt Sicherheit. Selbstorientierung ist Selbstliebe.