Wenn es außen leise wird - Essanfälle am Abend

 

Dein Tag startet mit einem Ingwer-Shot und einer Super-Föhn-Friseur. Die Liste für den Tag steht, die du nun nach und nach abarbeitest. Du liebst Listen, weil sie dir deinen Flow widerspiegeln. So zoomst du von einem Meeting ins nächste, machst in der Mittagspause einen Einkauf im Biomarkt mit Cafe to go beim Bäcker und abends schließt du den Tag mit einem Pamela- Workout ab. Du liebst diese Tage und setzt das allerletzte Häckchen auf deiner Liste. Deine Föhnfrisur weicht einem schmuddeligen Dutt und deine Skinny-Jeans der Jogginghose, die du schon zu Teenager-Zeiten gern getragen hast. Du breitest süße und salzige Snacks vor dir aus, öffnest eine Flasche Wein und nimmst die Fernbedienung zur Hand. Ab jetzt würdest du niemanden mehr die Tür aufmachen. Das Bild, dass du ab 19 Uhr auf der Couch abgibst, entspricht dir nämlich eigentlich gar nicht. Du weißt jetzt schon, dass du dich in wenigen Stunden eklig fühlen wirst, weil aus einer Hand Chips fast eine Tüte wird und die Flasche Wein dich nicht fitter fühlen lässt. Naja, man lebt nur einmal.

Extrem viele Menschen snacken abends auf der Couch - und wollen es eigentlich nicht. Meist süße oder salzige Dinge, die wir in die Spate "ungesund" einsortieren würden. Während sich viele von uns tagsüber zügeln sind die Mengen, die wir abends zu uns nehmen, oft größer als wir schätzen, weil wir uns nicht bewusst an den Tisch setzen, wie bei einer Hauptmahlzeit, sondern das Essen eher nebenbei geschieht. Wir sind abends eher passiv bei allem, was wir tun und es ist keine Seltenheit, dass wir am nächsten Tag gar nicht mehr wissen, was wir auf dem Handy geschaut haben, welche Serie lief - geschweige denn, was wir gegessen haben. Vielleicht sogar, weil wir alles gleichzeitig "konsumieren".


Um eine Handlungsweise abzulegen, müssen wir verstehen, welchen Mehrwert uns diese unerwünschte Verhaltensweise bringt. Denn wir tun alles, aus einer speziellen Motivation heraus. Das Gleiche gilt für Dinge, die wir nicht tun.

Welches Bedürfnis stille ich mit dem Couch-Essen?

Wenn wir essen, dann stillen wir damit ein Bedürfnis. Stell die heute Abend die folgenden Fragen:

Esse ich, weil ich körperlichen Hunger spüre?

Haben wir nicht ausreichend gegessen, wird der Körper ein Hungergefühl einstellen. Mit Sättigung wird er uns zu verstehen geben, wann er genug hat. Bist du vielleicht jemand, der vormittags nichts isst, um Kalorien einzusparen? Führt dieses Verhalten eventuell dazu, dass du abends mehr isst, als dir guttut?

Tatsächlich ist es so, dass wir tagsüber kaum Zeit und Muße haben, uns um unseren Seelenfrieden zu kümmern. So sind wir ständig beschäftigt und abends dann, wenn es außen leiser wird, wird es in uns umso lauter. Meist ohne, dass wir diese innerlichen Bedürfnisse in Worte fassen können. Aus meiner Erfahrung stecken meist die folgenden Informationen dahinter:

  • Langeweile (“Ich habe nichts mehr zu tun”)

  • Müdigkeit (“Ich bin erschöpft”)

  • Einsamkeit (“Ich fühle mich alleine”)

  • Selbstablehnung ("Ich mag mich nicht”)

  • Stress (“Ich brauche Ruhe”)

Bin ich müde und erschöpft?

Tagsüber funktionieren wir. Wir funktionieren für unseren Arbeitgeber, für unsere Freunde und Familie und sind ständig auf Zack. Es ist klar, dass abends die Müdigkeit einsetzt. Ein paar Snacks sorgen dafür, dass der Blutzucker uns noch Mal mit Energie versorgt und wir die Augen aufhalten können. Zudem bringen Snacks Hormone in Gang, die uns ein gutes Gefühl geben und uns belohnen, den ganzen Tag durchgehalten zu haben. Auch, wenn unser Alltag eher langweilig ist, führt Essen endlich dazu, dass zumindest unsere Sinne befriedigt werden.

Bin ich unproduktiv?

Vielleicht gehörst du auch zu den Menschen, die sich nur ungern eine bewusste Pause gönnen. Dir ist es unangenehm nichts zu tun. Essen ist eine Handlung, mit der du zwar etwas Abstand zu deiner To-Do-Liste gewinnst, aber trotzdem produktiv bist. Nach dem Couch-Essen fühlen wir uns vielleicht so gelähmt, dass wir uns kaum noch rühren können und werden nun endlich zu einer Pause gezwungen. Die Pause, die uns den ganzen Tag gefehlt hat.

Bin ich frustriert oder verärgert?

Das Zerbeißen von Nahrung kann genauso negative Stimmung abbauen, wie eine Runde um den Pudding zu laufen oder mit der Faust in ein Gesicht zu schlagen. Kauen ist dabei jedoch einfacher umzusetzen!

Fühle ich mich mit meinem Partner verbunden?

Essen spielt in unserer Gesellschaft eine große - und durchaus schöne Rolle. So finden gute Gespräche oft am Tisch statt und schöne Ereignisse werden erst durch gutes Essen abgerundet. Manchmal ist gemeinsames Essen die einzige Tätigkeit, die man mit seinem Partner teilt. Etwas gemeinsam zu tun, fühlt sich schön an.

Essen und sein Mehrwert

Hast du für dich verstanden, welchen Mehrwert dir das Essen bringt? Diese Information ist wichtiger für dich, als dir die Verhaltensweise zu verbieten. Wenn dahinter nicht so wichtige Ursachen stecken würden, hättest du schon längst aufgehört, abends zu essen. Schließlich magst du dieses Verhalten ja nicht! Aber so einfach ist es nicht.

Kontrolle führt zu Kontrollverlust

In der Praxis sehe ich immer wieder, dass das Verbot dazu führt die Handlungsweise lediglich nach hinten zu schieben. Früher oder später isst man doch und meist sogar ziemlich viel. Damit gehen viele innerliche Dialoge einher und das Thema Essen ist allgegenwärtig. Nach einem Essanfall hört das Kopfkino nicht auf; es wird lauter! Nicht selten, handelt es sich um Selbstbeschimpfung.

Um weniger zu essen, muss das Thema Ernährung bei emotionalen Esser eine weniger präsente Rolle im Leben spielen. Wir emotionale Esser tendieren aber dazu, nicht an der Ursache zu arbeiten, sondern am Symptom. Auf ein abendlichen Fressflash folgt dann intermittierendes Fasten, was großes Ess-Gelage am Abend begünstigt!

Beantworte dir unbedingt die oben gestellten Fragen, wenn du WIRKLICH an einer langfristigen Lösung interessiert bist.

Fasse dein Bedürfnis in Worte

In dem Moment, indem du dein Bedürfnis in Worte fassen kannst, bist du einen großen Schritt weiter.

Denn du trennst dich damit von deinem Gedanken und Gefühlen und nimmst ihnen damit ganz viel Feuer. Du fühlst dich ihnen nicht mehr so komplett ausgesetzt. Du nimmst die Beobachterrolle ein und erkennst vielleicht sogar, dass eine andere Art der Bedürfnisbefriedigung an mancher Stelle viel passender ist, als die bloße Nahrungsaufnahme.

Ich merke häufig kurz vor 22 Uhr, dass ich überlege, was wir noch für Süßigkeiten zu Hause haben. Ständig ist das so! Mittlerweile ertappe ich mich dabei, dass ich mir eigentlich meine Müdigkeit nicht eingestehen möchte. Solche Momente lassen mich schmunzeln und meistens gehe ich dann schlafen.

Ich möchte dir mit diesem Artikel an erster Stelle dein negatives Gefühl nehmen. Essen auf der Couch ist schön und manchmal tut Ablenkung auch echt gut - vor allem, wenn sie lecker ist. Schlechte Gefühle unserem Essverhalten gegenüber hindern uns, unser Verhalten in eine andere Richtung zu lenken. Viel lieber möchte ich dich ermutigen, dich mit dir zu beschäftigen und einmal hinter deine Fassade zu schauen. Vor dem Hintergrund, dass das abendliche Snacken aktuell noch hilft, lässt dich vielleicht mit etwas mehr Selbstverständnis an die Sache herangehen.

Sei neugierig. Aber vor allem sei lieb zu dir! ♥

Was definitiv bleiben kann, ist Jogginghose und Dutt.

Weißt du, welche Beweggründe hinter deinem Appetit liegen? Ich freue mich sehr, wenn du mir einen Kommentar hinterlässt.


Nachtrag

Ich finde den Artikel echt schön... aber irgendwie fühle ich mich angegriffen. Also, was ist denn, wenn man auf dem Sofa sitzt und Chips isst, weil man darauf jetzt richtig Lust hat und das ganz bewusst genießt?
Habe das Gefühl - versteh mich nicht falsch - aber, dass wenn man das tut, dass man das unbewusst tut, weil man es gar nicht richtig einordnet...
Am Ende schreibst du, dass der Dutt und die Jogginghose ok sind - aber Chips doch auch?
— Leserfrage am 28.01.2021

Sehr spannender Punkt, auf den ich eingehen möchte, indem ich etwas über meine Ernährungsgeschichte erzähle.

Ich habe eine Phase hinter mir, indem ich ein sehr gezügeltes Verhalten an den Tag gelegt habe. Alles hat sich um Kalorien gedreht. Dies konnte ich einige Jahre durchhalten und dann kam ein Wendepunkt in meinem Leben, an dem ich mir wünschte, einfach nur normal zu essen. Und ich wollte, dass Ernährung nicht mehr diese große Rolle in meinem Leben spielt. Ich habe aufgehört Kalorien zu zählen und angefangen zu essen. Ich habe gegessen ohne Sinn und Verstand. Häufig war es zu viel, was ich daran erkannte, dass ich nachts schlecht schlief, mich oft überfressen und dick fühlte. Nun waren es nicht mehr die Regeln, die mich erschöpften. Ich bin von einer sehr unflexiblen Ernährungsstruktur in absolutes Chaos gestolpert. Heute glaube ich, dass mein Körper mal kurz frei drehen musste, weil ich ihn so lange ausgebeutet habe. Tatsächlich hat mich dies aber gar nicht zufriedengestellt und ich wollte wieder Orientierung, Kontrolle und ein gutes Körpergefühl. Ich stellte fest, dass ich mich in der Vergangenheit in Extremen bewegte. Viel essen, keine Kontrolle bis hin zu wenig essen, viel Kontrolle. Auf beiden Seiten war ich nicht zufrieden. Also musste ich etwas dazwischen finden.

Aus Schwarz und Weiß wird grau

Geholfen hat mir, mich an meinen Bedürfnissen zu orientieren. Hunger und Sättigung geben mir eine Art Kontrolle. Achte ich darauf, geht es meinem Körper und meinem Geist gut. Hatte ich keinen Hunger, aber unbändigen Appetit, wollte ich für mich herausfinden, welche Gründe sich dahinter verbargen.

Weiß ich, dass es Bedürfnisse sind, wie beispielsweise Langeweile oder Müdigkeit, könnte ich eine Alternative zum Essen finden, wenn ich das wollte. Dies funktioniert möglicherweise nicht sofort, aber anhand der Häufigkeit dieser Situation, werden wir wieder daran erinnert und werden auf kurz oder lang entscheiden, ob wir etwas dagegen tun wollen. Wenn wir es schaffen Essen von Schuldgefühlen zu lösen, dann ist alles ganz wunderbar. Das war mein Ziel. Dementsprechend habe ich erst strikt auf meine Bedürfnisse geachtet und sie eingeordnet. Dieser Prozess hat mir geholfen, mich in meiner Haut wohlzufühlen. Jetzt entscheide ich mich oft FÜR Snacks auf der Couch. Meist handelt es sich um Sinnesbefriedigung. Löffel ich nur mein Eis, dann habe ich danach keine Schuldgefühle mehr. Die Leserin hat auf den Punkt gebracht, was ich persönlich lange lernen musste: bewusster Genuss!

Wenn du etwas verändern möchtest und dich unwohl fühlst, finde für dich heraus, was hinter deinem Nasch-Bedürfnis steckt. Dann kannst du entscheiden, ob du dich dafür oder dagegen entscheidest. Keine Entscheidung ist die Bessere. Was zählt, ist einzig und allein dein Wohlergehen.