Die unendliche Geschichte
"Die letzten Wochen war ich echt am Ende. Ich hatte keine Motivation. Gar keine. Ich habe die Ernährung schleifen lassen und trainiert habe ich auch seit einem halben Jahr nicht mehr. Helfen tut mir das nicht! Von Woche zu Woche bin ich unzufriedener mit mir. Jemima, ich habe 8 kg zugenommen seit März! Obwohl ich ganz genau weiß, wie ich es machen müsste, war es mir dann abends auf der Couch doch immer egal. Dann habe ich Chips gegessen und... Naja was soll ich sagen? OK, ganz egal war es mir auch nicht. Ich kann keine Chips essen, ohne dass ich daran denke, dass sie mir nicht guttun. Ich esse sie und dann genieße ich sie noch nicht Mal richtig. Wie widersprüchlich ist das bitte?
Vor 2 Wochen war es dann so weit und ich habe mir gesagt, dass es so nicht weitergehen kann. Jetzt halte ich schon 13 Tage durch. Kein Zucker, keine Kohlenhydrate - auch kein Obst. Und ich habe schon 3 kg wieder runter. Zum Glück! Fällt mir gerade auch nicht schwer. Jetzt noch 7 kg und dann bin ich mit mir auch wieder im Reinen!"
Yvana. Yvana ist Mama von zwei Töchtern und das, was sie mir letzte Woche am Telefon erzählt hat, hat sie mir am Anfang des Jahres und letztes Jahr im Frühling schon einmal erzählt. Genau so. Keine Motivation. Sie hat es schleifen lassen. Sie hat ein schlechtes Gewissen. Yvana kann nicht aufhören darüber nachzudenken, wie unattraktiv sie sich findet und sie kann Essen nicht genießen, weil jeder Happen sie daran erinnert, dass sie nun zunehmen wird.
Dann hat sie immer eine Erleuchtung worauf 4 Wochen No Carbs folgen, erzählt allen wie gut es klappt und das ihr an nichts fehlt und verschwindet dann für ein paar Monate von der Bildfläche um Monate später zu erfahren, dass sie alles plus ein paar Extra-Kilos wieder zugenommen hat und sie sich elendig fühlt, aber in naher Zukunft wieder auf Zucker und Kohlenhydrate verzichten würde.
Hast du auch gerade ein Hamsterrad im Sinn?
Der Vergleich ist gar nicht so abwegig. Yvanas Weg hört sich für mich anstrengend an. Und ich frage mich, ob ihr Abstrampeln jemals ein Ende haben wird.
Hast du auch einen kleinen Bruder, der dir Mal während des Fahrradfahrens einen Stock in die Speichen geworfen hat? Bist du daraufhin auch so sehr auf die Klappe gefallen, dass du nicht mehr wusstest, wo vorne und hinten ist? Ich möchte manchmal dieser kleine Bruder sein, der Yvana so einen Stock in ihr Hamsterrad wirft nur damit sie einmal kurz Innehalten kann und so vielleicht sieht, was sie hier schon jahrelang durch macht.
Vielleicht erkennst du dich auch ein bisschen wieder und kämpfst den gleichen innerlichen Kampf jeden Tag aufs Neue. Ständig sind da diese Gedanken, dass du undiszipliniert bist. Du hast das Gefühl ein Gespenst im Kopf zu haben. Es geht die ganze Zeit um Ernährung. DasistgutdasistschlechtdassollteichjetztnichtessenohvollleckermorgenbackeichKekseachabMontagwiedermanmussjaauchmalgenießenboahfühleichmichhässlichichbinimmervolldieserBlähbauch. Endlosschleife. Du gehst mit dem Plan den ganzen Tag Salat zu essen bei Edeka rein und kommst mit einem Ben & Jerry’s raus. Und manchmal lachst du dich innerlich selber aus. Dann verschiebst du dein Vorhaben wieder auf morgen. Wenn der Tag gekommen ist, streichst du all deine Lieblingsgerichte aus deinen Ernährungsplan raus. Die Kilos purzeln. Du bist happy... und gleichzeitig kannst du dir in diesem Moment nicht eingestehen, dass du das schon hunderte Mal so gemacht hast und stellst erst am Ende irgendeines stressigen Tages fest, dass die ganze Leier wieder von vorne anfängt, während du deine fettigen Fingerspitzen am Oberschenkel abstreifst.
Liebe Yvana, lass mich der kleine Bruder sein. Ich hole dich jedoch auf sanfte Art und Weise aus diesem Hamsterrad raus und zeige dir, dass dieses emotionale Auf in Ab in Verbindung mit deiner Ernährung ein Kapitel deiner Vergangenheit sein kann.
Balance in der Ernährung heißt nicht "Ganz oder Gar nicht". Balance heißt, dass alle Nahrungsmittel ihren Stellenwert haben. Balance heißt, dass es keine Verbote gibt. Es gibt ein paar Stellschrauben, an denen wir drehen können. Und es gibt ein paar Orientierungshilfen von mir.
Das Ziel ist, dass du deine Ernährung genießen kannst und sie nicht ständig in deinem Kopf herumschwirrt. Wie wunderbar, wenn du mit deinen Kids Kekse backen kannst und danach trotzdem deinen Alltag so wie immer bestreiten kannst, da keine Diät und demnach auch keine emotionalen Höhen- und Tiefflüge anstehen.
Im ersten Schritt könntest du dich reflektieren: Bist du in diesem Hamsterrad gefangen?Wovon hält es dich ab?
Auf ein neues Kapitel ohne Abstrampeln.
Frohe Weihnachten.
Ps. Yvana möchte keine Hilfe. Sonst hätte sie mir das gesagt. Da bin ich mir sicher. Wie kann man Menschen wie Yvana helfen sich zu reflektieren?
Mir tut das weh, wenn ich mir die Geschichte immer wieder anhören muss. Im Hinterkopf habe ich, dass sie zwei Töchter hat, die damit aufwachsen, dass Ernährung ein sehr kompliziertes Thema ist und die Beziehung zu seinem Körper sowieso.
Ich fühle mich hier machtlos. Welche Umgangsweise in Bezug auf Menschen dergleichen würdest du mir empfehlen?