Selbstliebe - eine Anleitung

 
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Über die Illusion, sein eigenes Leben zu leben und die Bedeutung von Freundschaft…



Mit einer Tasse Kaffee ausgerüstet sitze ich im Bett und schlage mit der rechten Hand meinen Laptop auf. Ich möchte schon längst einen greifbaren Text über den wohlwollenden Umgang mit sich selbst schreiben. Voller Elan möchte ich meine Tasse auf dem Tischlein neben mir abstellen während der Schwung dafür sorgt, dass die Hälfte des Kaffees auf Boden und Wand landet. “Ich bin so dumm” höre ich mich sagen und am liebsten hätte ich mir auf die Zunge gebissen. Wieder habe ich schneller gesprochen als gedacht. Steven schaut mich fragend an. “Ne, so will ich gar nicht über mich sprechen. Kann ja mal passieren!”, versuchte ich mich vor mir selbst zu rechtfertigen.

Den Text vertage ich. Irgendwie fühlt es sich gerade nicht richtig an. Ich klappe den Laptop wieder zu.

In den nächsten Tagen kreisen meine Gedanken um das Thema Selbstliebe. Ich habe mich in den letzten Jahren viel damit beschäftigt und kann behaupten, dass es mir geholfen hat. Grundsätzlich zähle ich mich zu den lebensbejahenden Menschen, ich weiß was mir wichtig ist und orientiere mich mittlerweile daran. Aber gleichzeitig kommen in mir Zweifel auf. Ich beschimpfe mich gelegentlich, weil ich ungeschickt war, manchmal bin ich verärgert, weil ich meine Klappe gehalten habe oder weil ich manche Dinge nicht fertigstelle und um die Periode herum kann es gut sein, dass ich mich gar nicht ertrage.

Kann ich hier eine Inspiration für andere Menschen sein, wenn in meinem eigenen Kopf nicht nur die Sonne scheint?

Dann lese ich eine Rezension von 2018 in DIE ZEIT mit der Überschrift “Mein bester Freund”. Der Autor des Buches Selbstfreundschaft von Wilhelm Schmid wird zitiert. “Bei der Selbstfreundschaft verzichtet das Selbst, ähnlich wie bei der Freundschaft mit Anderen, auf eine Idealisierung und ist zu einer realistischen Einschätzung selbst in der Lage”.

Ich brauche ein paar Tage um mich zu ordnen.


Warum Selbstliebe schwer ist

Es gibt sehr viele Informationen, Seminare, Texte, Accounts, die sich alle mit dem Thema Selbstliebe beschäftigen. Warum ist Selbstliebe aber trotzdem so schwer umsetzbar?

Während ich darüber nachdenke fällt mein Blick zum Bücherregal. Ratgeber. Selbstoptimierung. Wir sind immer auf Suche nach einer besseren Alternative. Schule, Eltern, Werbung, das Umfeld, ja die Gesellschaft schafft Ideale, nach denen wir streben. Wir sind geprägt ständig nach Perfektionismus zu suchen und sind so nie gut genug. Der Selbstoptimierungsdrang gilt beim Zeitmanagement, bei der Figur, der Kindererziehung, sogar im Sexleben und es geht beim Aufräumen (ich bin ein Marie Kondo Fan!) weiter. Das unausgesprochene Ziel ist Vollkommenheit und wir checken nicht, dass das nicht funktionieren kann. Wir sind Menschen. Mit Gefühlen, Bedürfnissen, Interessen, Abneigungen. Aber dazu später mehr.

Egal was wir tun, findet immer ein Soll/Ist-Abgleich statt. Sich messen liegt an der Tagesordnung. Kaum jemand bezeichnet sich als durchschnittlichen Läufer und ist absolut zufrieden damit. Nein, ganz ok reicht nicht. Er muss morgen besser sein, am besten besser als gestern. Und wenn das nicht klappt? Dann hört er auf zu laufen und sucht sich etwas, wo er besser ist.

Wir meiden das was wir nicht können bzw. nicht glauben zu können. Angst vor dem Unbekannten oder Angst vor dem “nicht perfekt” sind die Folge. Diese Angst lähmt. Wir probieren uns nicht aus und beschönigen dies durch vorgeheucheltes Desinteresse. Alles nur eine Fassade. Selbstschutz um dem Scheitern, also dem Verlust seines Gesichtes aus dem Weg zu gehen.

Und wenn wir es wirklich nicht können? Dann fühlen wir uns ungenügend. Wir reagieren mit Selbstverachtung. Unsere inneren Dialoge können grausam sein. Wir ärgern uns nicht nur, weil wir nicht nein sagen können, weil wir nicht schnell genug waren, weil wir nicht aussehen wie Heidi Klum. Wir beschimpfen uns und das ist uns gar nicht wirklich bewusst.

Du denkst, das wäre zu weit gegriffen?

Aus meinen Gesprächen mit vielen Frauen weiß ich, dass unser allererster Gedanke am morgen dem Körper gewidmet wird. Der Bauch wird angefasst. “Immernoch speckig.” Das Oberteil wird in Position gerückt. Dann der Gang ins Badezimmer. Spiegel. Achtung Beschimpfung. “Boah seh ich scheiße aus!”

Das ist eine Sequenz von vielleicht nur zwei Minuten eines ganzen Tages. Stell dir die Situation nun anders vor: Deine Freundin schläft bei dir. Ihr wacht auf. Du schaust sie an und machst ihren Bauch zum Thema. “Ganz schön speckig bist du! Zieh mal das Oberteil über deine Plautze. Boah und dein Gesicht. Siehst du scheiße aus!”

Ob sie nun immer noch deine Freundin ist? Unseren Freunden gegenüber sind wir nicht verletzend. Wir sind wohlwollend. Wie kann man dann bei dem Verhalten uns selbst gegenüber von Liebe sprechen?



Verletzungen aus der Vergangenheit

Vermeidendes Verhalten kann auch darin gründen, dass uns etwas in der Vergangenheit eingeredet wurde.

“Du bist nicht sportlich” oder immer eine schlechte Note im Unterrichtsfach Sport führt vielleicht dazu, dass du es nie ausprobierst oder nie ausprobierst ohne zumindest wertfrei an die Sache heranzugehen.

“Dein Essen schmeckt nicht” führt eventuell dazu, dass du ungerne für andere Menschen kochst oder die Bewältigung nur mit viel innerlicher Anspannung von Statten geht.

“Dein Brüste sind klein” und schwups die Wups läufst du dein Leben lang mit dreidimensionalen Schals rum, trägst mehrere BHs übereinander und Ausschnitt ist eh tabu.


(Eigen)Lob stinkt

Und wenn dann einmal ein Kompliment kommt gehört es zum guten Ton es nieder zu machen.

“Du hast ja einen schönen Pullover.” - “Oh der war total billig.”

“Du siehst ja gut aus.” - “Ich bin total blass.”

“Das hast du toll gemacht” - “Naja geht, hätte ich besser machen können.”

Und beim Eigenlob legen wir noch eine Schippe drauf. Also eine Schippe Sand. So, dass man die honorierwürdigen Taten am besten gar nicht mehr sieht. Eigenlob stinkt nämlich. Alles andere wäre Arroganz. Widerlich.

Und wenn wir zur besseren Greifbarkeit unseren Umgang mit uns selbst anhand einer Freundschaft veranschaulichen, können wir eins feststellen:



Wir lassen uns selbst im Stich

Wir fokussieren uns ständig auf alles was außerhalb von uns ist. Das, was der Bekannte sagt, das, was der Chef erwartet, das, was die Werbung vorgibt. Wir essen, was andere essen, wir machen Weiterbildungen, die man halt macht, für einen Job, der keinen Spaß macht, aber sicher ist, ziehen an, was mode ist und fahren nach Mallorca, weil da alle hin fahren.

Dass wir unser eigenes Leben führen ist vielleicht eine Illusion, denn eigentlich führen wir das Leben einer Gesellschaft - eines Trends, der den Takt vorgibt.

Und dann gibt es diese Momente in denen wir uns unseren eigenen Gefühlen ausgesetzt fühlen. Unsere Laune ist ständig am schwanken. Weil wir es niemanden recht machen. Oder weil wir es allen anderen recht machen, nur uns selbst nicht?

Wir fühlen uns uneins, zerrissen und haben Identifikationsschwierigkeiten mit uns selber. Oder kannst du die Frage “Wer bist du” beantworten ohne Name, Alter und Beruf zu nennen?

Lebst du dein Leben oder bist du eher Beifahrer?



Kinder

Kinder legen Selbstliebe ganz intuitiv an den Tag.

Anfang Februar bin ich in einen Sportverein eingetreten um Capoeira zu lernen. Es gibt jeweils einen Kurs für Erwachsene und einen Kurs für Kinder in der Woche. Da die Erwachsenen sehr fortgeschritten sind dachte ich mir, dass mir zusätzlich der Kinderkurs einen Mehrwert bringen könnte, da ich bei 0 anfange. Daran erinnerte mich auch schließlich ein ca. 6-Jähriges Kind. „Dein Rad sieht nicht so toll aus. Ich mache das besser.“ Mein inneres Kind rechtfertigte sich: „ich bin heute das allererste Mal hier!“. Sie schulterzuckend: „Sieht man!“

Ähm. Ich bin ehrlich. Ich habe sie gehasst. Ganz kurz zumindest. “Eingebildete blöde Kuh” habe ich mir gedacht.

Ein wenig später musste ich schmunzeln über meine eigene Einstellung. Das Mädchen hat sich selber auf die Schulter geklopft. Wie schön ist das denn bitte? Traurig, dass sie diese Einstellung in den nächsten Jahren ablegen wird um gesellschaftsfähig zu sein.

Um der Selbstliebe einen Schritt näher zu kommen sollten wir an dieser Stelle klären, um was es hier überhaupt geht.


Selbstfreundschaft

Ich finde den Begriff Selbstfreundschaft, wie es der am Anfang erwähnte Autor Schmid verwendet ziemlich gut. Liebe ist idealisierend. Schwächen existieren nicht oder es wird darüber hinweg gesehen. In einer Freundschaft hingegen ist man sich den Stärken sowie den Schwächen des Anderen gegenüber völlig bewusst.

Aber fangen wir vorne an. Wie entsteht eine Freundschaft?

Am Anfang einer Freundschaft steht echtes Interesse. Es ist die Basis auf die eine Freundschaft aufgebaut wird und erhalten bleibt. Ich möchte mit dieser Person Zeit verbringen und suche den Kontakt. Ich möchte wissen wie es ihr geht, welche Erfahrungen sie gemacht hat, wie ihre Meinung in Bezug auf allerlei ist, wo ihre Stärken und wo ihre Schwächen liegen. Auch scheinbar lapidare Dinge interessieren mich. Sendet sie mir ein Foto von der selbstgemachten Pizza reagiere ich darauf mit einem Emoticon, dem das Wasser im Mund zusammenläuft oder mit einem “lecker”. Hat sie sich länger nicht gemeldet, erkundige ich mich. Hat sie eine schwierige Situation hinter sich, reflektieren wir gemeinsam.

Im Laufe der Zeit kann ich Mimiken und Gestiken schnell deuten, weiß was ihr ge- und missfällt. Ich weiß wo die Grenzen liegen und wenn nicht, dann sagt sie mir das. Eine Freundschaft lebt von Akzeptanz. Ich will meine beste Freundin nicht verändern. Ich möchte, dass sie in meiner Gegenwart sein kann wer sie ist, genau wie ich das Gefühl habe zuhause anzukommen wenn ich bei ihr bin. Bei ihr kann ich aufhören, den Bauch einzuziehen, bei ihr kann ich unter den Armen schwitzen und wir lachen darüber, bei ihr kann ich schlecht drauf sein und der Fleck auf meinem Oberteil ist egal. Mundgeruch am Morgen. Egal. Pickel. Egal. Die Zahl auf der Waage. Egal. Beim Wettkampf letzer geworden. Egal. Wir können einen schlechten Tag haben. Egal. Für unsere Stärken, aber vor allem auch für unsere Schwächen - für unser echtes Ich - gibt es Raum.

Umgekehrt zerbricht eine Freundschaft, wenn das Interesse ausbleibt. Dies muss nicht erst ausgesprochen werden. Es beginnt damit, dass man keine Zeit mehr hat. Häuft sich dies, verlieren die Freunde den Zugang zueinander. Gemeinsame Gesprächsthemen werden rarer. Die Basis bröckelt. Und manchmal  - ohne es zu merken - beginnt man sich nur noch flüchtig auf der Straße zu grüßen. Oder man schaut ganz weg. Aufs Handy. Ganz nach dem Motto “ich habe dich gar nicht gesehen” weil die Situation unangenehm ist.

Für Freundschaft braucht es Zweisamkeit, Für Freundschaft mit sich selbst Einsamkeit.

Zeit alleine. Und genau dies ist die Chance. Oder das Problem?

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Wie oft verabredest du dich mit dir selber? Wie oft suchst du den Kontakt zu dir?

Was passiert mit dir und in dir sobald sich die Gelegenheit bietet und du alleine bist in Momenten der Stille?

Viele ertragen dies nicht. Viele ertragen sich nicht.

In meinen Coachings erfahre ich dies immer wieder. Bei vielen gehört es mittlerweile zur Gewohnheit direkt nach dem Aufstehen das Fernsehen einzuschalten. Personen, die in Bus und Bahn nicht aufs Handy gucken gibt es kaum. Sobald sich eine Möglichkeit des Innehaltens bietet, ersticken wir diese so schnell es geht, meist unbewusst im Keim. In der Schlange am Supermarkt holen wir das Smartphone heraus, nach der Arbeit zuhause wird das Fernsehen eingeschaltet, um währenddessen “in Ruhe” essen zu können.

Für viele Kundinnen ist es anfangs unerträglich ihr Essen ohne jegliche Form der Ablenkung einzunehmen. Eine Frau, die gewöhnlich Sendungen während des Essens schaute, beschrieb mir erst vor kurzem, dass sie sich nicht aufs Essen konzentrieren könne, wenn es so leise sei. Gedanken tauchen auf. Gedanken und Gefühle, die nichts mit dem Essen zutun haben. Die Nachbarn. Die Langeweile. Die Chefin. Der Wunsch nach einem Partner. Die Einsamkeit.

Die Sache ist, dass sie sich mit Fernsehen auch nicht aufs Essen konzentrierte. Es half aber, die inneren Stimmen zu übertünchen. Die eigenen Bedürfnisse konnten so sehr gut verdrängt werden.

Sie ist hier kein Einzelfall. Sobald äußerlich Stille einkehrt wird es in uns laut. Oft kommt eine leise Vorahnung zum Vorschein, dass sich irgendwas nicht schön anfühlt. Aber genau wissen wir nicht, was wir wollen. Anstatt sich selber aufrichtiges Interesse zu zollen, beginnen wir zu jammern. Opferhaltung.


Selbstmitleid

Wir jammern, weil Montag ist. Wir jammern, weil uns langweilig ist. Wir jammern, weil jemand gemein zu uns war. Wir jammern, weil wir müde sind. Wir jammern, weil wir keine Zeit haben. Wir jammern einfach. Jammern ist einfach. Aber es hilft nicht. Denn wir werden dadurch nicht aktiv. Wir werden den kommenden Montag wieder jammern. Wir können aber auch die Verantwortung für uns übernehmen und proaktiv etwas verändern, sodass es keinen Grund zum lamentieren gibt. Mach deinen Montag so, dass er zum geilsten Tag der Woche wird. Regeneriere genug, um nicht müde zu sein. Schaffe dir Zeit, um mehr Zeit zu haben.

Kurz: Übernehme Verantwortung und kümmere dich um deine Bedürfnisse.

Selbstmitleid gründet darin, dass ein Ungleichgewicht zwischen unserem Außen und unserem Inneren herrscht. Das Außen kann unser Umfeld, unsere eigene geprägte Vorstellung, Erwartungen anderer etc. sein. Selbstmitleid ist an dieser Stelle eine sehr einfache Handlungsoption, denn wir geben die Verantwortung einfach ab.

Einfaches Beispiel:

Du: “Mir ist langweilig”

Partner: “ok”

Nun bist du noch unzufriedener. Denn eigentlich wolltest du, dass dein Partner eine Beschäftigung findet und dich ablenkt. Denn alleine weißt du mit dir nichts anzufangen.

Achte einmal vermehrt darauf, inwiefern dein Umfeld unbewusst die Eigenverantwortung abgibt.

Du wirst merken, wie oft das Wetter, der Chef oder der Blick der eigenen Mutter Ursache für einen unerfüllten Tag sind. Die Schilddrüse, Medikamente oder das Elternhaus ist Schuld an der Figur und manchmal sind andere sogar Schuld für unsere Lügen.

Solange wir jedoch die Verantwortung abgeben, haben wir keinen Gestaltungsspielraum. Eigenverantwortung würde nämlich oft zur Folge haben, dass wir einer Einsicht preisgeben würden, die wir nicht so gerne zugeben. Vielleicht, dass wir den falschen Beruf ausüben, dass uns unsere eigene Gesellschaft langweilt, dass wir mit Konflikten nicht umgehen können, dass wir Angst vor der Zukunft haben.

Der Preis? Das Leben rauscht vorbei. Wir sind Zuschauer, anstatt Akteur zu sein. Wir orientieren uns an der Gewohnheit und nicht an dem, was uns wirklich wichtig ist.


Selbstverantwortung

Weißt du, warum wir aus diesem Hamsterrad aussteigen sollten?

Male an dieser Stelle in deinen Gedanken einen 10 cm langen Strich. Diese 10 cm sollen nun 100 Jahre darstellen. Und nun ordne dich anhand deines Alters auf dieser Linie ein.

Denke darüber nach, wie du die letzten Jahre gelebt hast. Woran hast du dich orientiert? Hast du Dinge ausgehalten?

Mit sich selbst befreundet zu sein ist im Grunde genommen die wichtigste Freundschaft die es gibt, denn es handelt sich um eine Beziehung die dein Leben lang geht.

Wir können natürlich

  • weiterhin den Bauch einziehen, weil wir Angst vor blöden Blicken haben

  • nur am Spielrand stehen und zugucken, weil wir Angst haben uns zu blamieren

  • Vanilleeis essen, weil die Gefahr besteht, dass die anderen Sorten uns nicht schmecken

  • im Hotel “all inclusive” Urlaub machen, um dem Unbekannten aus dem Weg zu gehen

Wir werden nicht erfahren wie genussvoll es sein kann “Mensch” zu sein und zu leben!

Wo stehst du auf deiner Lebenslinie? Du bist bis zum Ende deines Lebens an dich selbst gebunden. Du kannst entscheiden, ob du dein Leben in Deckung lebst oder ob du Farbe und Bewegung in dein Leben bringst.



Gefühle

Gefühle bringe Farbe und Bewegung ins Leben. Ich denke daran wie sich Freude, Trauer, Wut, Angst, Hass, Liebe, Geborgenheit, Einsamkeit, Unterforderung, Überforderung, Eifersucht und Mitleid anfühlen.

Noch mal langsam, zum mitfühlen.

Lass uns gemeinsam an einen Freude-Moment denken. Spüre in dich hinein, wie dein Herz tanzt. Wann hast du dich das letzte Mal so richtig gefreut und herzlich dabei gelacht? Was hat dir ein Lächeln ins Gesicht gezaubert? Kannst du nachempfinden wie leicht du dich gefühlt hast?

Nun zur Angst. Wann hast du das letzte Mal Angst gehabt? Kannst du den schnellen Atem und die innere Nervosität nachempfinden?

Wie ist es mit der Traurigkeit? Wann warst du so richtig traurig und was hat es mit dir gemacht? Möglicherweise hattest du ein beklemmendes Gefühl in der Brust, hast dich antriebslos und müde gefühlt. Nicht selten verlieren wir in traurigen Momenten das Interesse für alles um uns herum, ziehen uns aus dem sozialen Umfeld zurück und leiden an Appetitlosigkeit.

Egal um welches Gefühl es sich handelt, es gibt Gefühle mit denen wir gut umgehen können und es gibt Gefühle, die wir nicht so gerne an uns heranlassen wollen. Manchmal verstehen wir sie auch gar nicht. Gefühle werden von Körperreaktionen begleitet. Manche Gefühle verursachen Anspannung oder schnüren uns regelrecht die Kehle zu. Andere treiben uns eine unangenehme Röte ins Gesicht und dann gibt es Emotionen, die für Leichtigkeit, für Schmetterlinge im Bauch sorgen.

Körperreaktionen sind Signale

All diese Körperreaktionen sind Signale, die uns helfen können uns unseren Gefühlen nicht ausgeliefert zu fühlen. Aber dafür müssen wir wieder beginnen uns selber zu beobachten.

Streck deine Antennen aus und fühle intensiver, denn deine Gefühle sagen etwas über dich aus. Außerdem sagen sie etwas darüber, wie du zu anderen Menschen stehst.

Eventuell wirst du in deinem Alltag feststellen, dass du angespannt und nervös bist, wenn dein Chef grimmig schaut. Oder du spürst Traurigkeit sobald du Zeit mit einer bestimmten Person verbringst. Genauso kann es sein, dass sich das Zusammensein mit einem bestimmten Menschen total richtig anfühlt, weil du entspannt und zuversichtlich bist.

Was für das menschliche Umfeld gilt, gilt auch in Verbindung mit Tätigkeiten. Welche Tätigkeiten lösen Freude, Entspannung, Motivation oder Ärger aus?

All diese Gefühle gilt es zu reflektieren und in Erfahrungsschubladen zu packen.

Der erste Schritt ist Gefühle bewusst wahrzunehmen. Auch die Gefühle des seelischen Hungers. Wenn die schmerzhaften Gefühle nicht an die Oberfläche dürfen und wir ihnen durch Ablenkung oder Vermeidung ausweichen wollen, finden wir keine Zugang zu uns selbst und werden weiterhin unzufrieden sein, weil wir eher auf andere oder anderes hören als auf uns selbst.

Wenn wir den düsteren wie auch den hellen Emotionen eine Daseinsberechtigung geben, dann können wir diese Gefühle als persönliche Wegweiser nutzen.



Gefühle sind Wegweiser

Um gewinnbringend reflektieren zu können, müssen wir einen gewissen Abstand zu unseren Emotionen schaffen. Dies sollten wir jedoch nicht mit Verdrängung verwechseln. Es geht darum, dass wir uns von unseren Gefühlen nicht beherrschen lassen. Schließlich sind wir nicht das Gefühl. Wir wollen handlungsfähig bleiben und dies geht nur, wenn wir unsere Innenwelt in einem größeren Kontext betrachten.

Ich möchte dies anhand von Beispielen verdeutlichen.

Nehmen wir wieder die Situation mit dem Vorgesetzten. Stell dir vor wie er mies guckt und dies ein Unbehagen in dir in Gang setzt. Du fängst an dich zu fragen, was er gegen dich hat oder machst dir Sorgen, etwas nicht richtig gemacht zu haben. Durch einen Fokus auf deine inneren Regungen wird dir bewusst, dass du Fragen hast oder dass es etwas zu klären gibt, weil du deinen Gedankenkreisen gerne ein Ende setzen würdest. Du gehst zu deinem Chef und bittest um ein klärendes Gespräch.

Dein Chef kritisiert fehlendes Engagement, da du keine Überstunden machst. Diese Information könnte nun dazu führen, dass du dich nicht gewertschätzt fühlst. Eventuell löst dieses Wissen Unsicherheit aus. Da du in der Lage bist diese Regung als Alarmsignal zu sehen, reflektierst du dieses Gefühl in einem größeren Zusammenhang. Du fragst dich, ob dein persönliches Glück tatsächlich an dem Lächeln deines Chefs oder an einer Beförderung in deinem Beruf abhängt? Du fragst dich auch, ob mehr Engagement im Beruf zu einem erfüllterem Leben führt. Du entscheidest dich für dein persönliches Glück.

Du machst einen Malkurs. Während des malens setzt eine Entspanntheit ein, die sich wunderbar anfühlt. Du spürst diesen inneren Frieden intensiv und weißt, dass dir Malen gut tut um herunter zu kommen und um dich wohl zu fühlen. Du machst dies nun öfter, denn du entscheidest dich für dein persönliches Glück.

Wenn wir unser chaotisches Innenleben mit Wohlwollen betrachten, wie es in einer Freundschaft der Fall ist, dann sind wir in der Lage ein intensives Leben zu führen.

Hierfür müssen wir uns jedoch öffnen und Menschen und Situationen an uns heran lassen.

Da wir dies meist nicht gelernt haben, sind es manchmal schmerzhafte Stimmen, die mit uns sprechen. Vor allem Einsamkeit, Kränkungen, verletzende Erinnerungen, Orientierungslosigkeit, Angst und Wut tun weh und gerade deshalb tappen wir schnell in die Falle Ersatzstrategien zu finden, um nicht zu unseren Emotionen stehen zu müssen. Gängige Ersatzstrategien sind Süchte und weitere Ablenkungsmanöver. Regelmäßiger Alkoholkonsum, Zigaretten und Essstörungen sind Hinweise dafür, wie auch vieles Arbeiten, to Do-Listen und Fernsehen gucken. All das vernebelt das Innenleben. Die Probleme sind dann ganz kurz nicht spürbar. Aber das innere Loch wird größer und womöglich tun sich weitere Grauzonen auf. Vielleicht Süchte, Depressionen oder Burnout.

Durch diese Ersatzbefriedigungen geht etwas Wunderschönes verloren. Die Rede ist von unplanbaren Momenten. Momente, die eine Eigendynamik haben und somit kein Teil unserer To Do-Listen sind. Dies sind besondere Augenblicke. Vielleicht eine besondere Begegnung beim spazieren gehen, Gefühle wie Freude, Trauer und Genuss, eine Umarmung, ein emotionaler Abschied, der Sonnenaufgang und die Vögel, die zurück aus dem Süden kommen. All diese Momente sind das Leben, dass wir nur durch intensives Innehalten spüren können.

Lass uns achtsamer sein und die Freundschaft zu uns selber pflegen, indem wir uns pflegen und der Kontakt zu uns selber ein Platz in unserer Alltagsgestaltung hat.

Grenzen

Wie oft verabredest du dich mit dir selber? Stille kann beruhigend wirken, wenn du weißt wo deine Grenzen liegen. Begrenztheit gibt Sicherheit. Es hilft um dich sortieren zu können und wesentliches vom unwesentlichen unterscheiden zu können.

Wenn du dir deiner Grenzen bewusst bist, weil du sie erspürt hast und diese nicht überschreitest, steht deiner Selbstfreundschaft gar nichts mehr im Weg.

Wo sind deine Grenzen? Auf sich selbst zu achten heißt, dass wir uns immer wieder fragen, was uns unser Körper und was uns unsere Gefühle sagen wollen. Dein Körper funktioniert gerade nicht? Was will er dir sagen? Das Verstehen gibt dir Halt beim Nein sagen.

Ein Nein zu einer Sache sagt immer JA zu einer Anderen. Ein widerwilliges Ja sagt oft Nein zu uns selbst. Um Erwartungen zu entsprechen wird der eigene Körper schnell zum Gegner. Wir missachten dann unsere Grenzen.

Überlege das nächste Mal lieber zweimal, ob du eine bestimmte Weiterbildung machen möchtest, ob du länger arbeitest, ob du das Geschenk für einen Bekannten besorgst, den du eigentlich nicht magst, ob du dich wie ein Spielball behandeln lässt. Möglicherweise sind deine Schwächen ja in Wirklichkeit gar keine Schwächen, sondern Grenzen!

Was hat zu wenig Raum in deinem Alltag? Was wünschst du dir für mehr Zufriedenheit? Frag dich das. Führe Selbstgespräche. Nur dadurch wirst du dir bewusst werden, wie du besser für dich sorgen kannst.
Wenn du dich selbst bisher nie berücksichtigt hast, dann los.

Nutze und schaffe Chancen in dich hineinzuhören.

Ob du in der Schlange an der Kasse oder im Stau stehst, entdecke Pausen um dir selber echtes Interesse zu zollen. Wie geht es mir gerade? Du könntest dir feste Gewohnheiten schaffen, die ein Innehalten ermöglichen. Heutzutage wollen wir immer im Flow sein, indem wir von einer Tätigkeit lückenlos zur nächsten Tätigkeit übergehen. Dadurch gehen Genussmomente leider verloren. Schließe Alltagstätigkeiten bewusst ab und leite die nächste Handlung bewusst ein. In der Praxis könnte dies zum Beispiel bedeuten, dass du vor dem Essen einmal deine Mahlzeit wirklich wahrnimmst und nicht direkt anfängst zu essen. Schau dir an, was du da gekocht hast!

Übernehme Verantwortung für dein Leben.

Du bist bis an dein Lebensende an dich selbst gebunden. Nur du kannst etwas an deiner Situation und an deiner Einstellung ändern.

Nutze schöne und schmerzhafte Erinnerungen.

Erinnerungen können bestärkend wirken, wenn du dich zurück erinnerst was du in der Vergangenheit schon bewältigt hast. Außerdem kannst du aus den Erinnerungen Schlussfolgerungen für die Gegenwart und für die Zukunft anstellen. Was waren die großen Krisen in deinem Leben? Wie bist du damit umgegangen? Was würdest du heute anders machen? Siehst du rückblickend auch etwas gutes an diesen Lebenssituationen oder bist du glücklich, dass sie vorbei sind?

Genauso bereichernd wirken freudige Erinnerungen. Überlege, was dir als Kind Spaß gemacht hat. Was ist daraus geworden?

Deine Geschichte zeigt, was dich belebt. Du kennst sicherlich die Situation, wie du mit einer Freundin in alten Erinnerungen schwelgst. Sätze fangen dann an mit “weißt du noch…”. Diese Gespräche sind wunderschön, weil man sich zurückversetzt fühlt. Versetze dich also zurück, denn deine Vergangenheit wird dir eine Antwort darauf geben, worin deine Stärken und Freuden liegen.

Halte Ausschau nach Freude-Momenten.

Du darfst dich freuen. Leider drosseln wir unsere Freude oftmals, weil wir Angst haben uns zu früh zu freuen, Angst davor haben, dass man uns unsere Freude nicht gönnt etc. Durch dieses Verhalten können wir unsere Freude nicht genießen. Stell dir nur vor wie du einem guten Freund etwas erzählst, das dich total freut. Ein guter Freund freut sich mit. Es gibt ein Gefühl der Verbundenheit. Nun stell dir vor, was mit deiner Freude passiert, wenn dein Freund desinteressiert reagiert, oder die Resonanz ein “Ja, aber”-Satz ist? Du könntest dein Glück nicht genießen. Wahrscheinlich fühlst du dich sogar etwas beschämt. Übertragen auf deine Selbstfreundschaft möchte ich dich einladen, deine Coolness oder deinen Selbstschutz mal abzulegen. Ein Leben mit angezogener Handbremse fühlt sich nie komplett an. Freu dich! Das tut gut. Wenn du Ausschau nach Freude hältst, wirst du diese Momente finden. Das Gegenmittel für Selbstschutz ist Dankbarkeit. Anstatt Angst davor zu haben, dass dein Partner dich verlassen könnte, kannst du die gemeinsame Zeit genießen. Anstatt dir während des Essens einzureden, dass die Kalorien dir die Sommerfigur versauen könnten, kannst du dein Dessert auch mit allen Sinnen genießen. Alles andere vermiest dir den Moment.

Räume auch schmerzhaften Emotionen einen Platz ein.

Wut, Ärger, Einsamkeit, Trauer gehören zu einem belebten Leben. Lass dich von diesen Gefühlen nicht beherrschen. Nutze sie viel mehr als deine Wegweiser.

Es ist dein Leben

Denk an deine Lebenslinie. Heute ist der beste Zeitpunkt um dich gedanklich in den Arm zu nehmen, um dich mit dir selbst zu versöhnen. Passt dein Leben zu dir?

Leb dein Leben - mit dir - so wie du bist. Wie du wirklich bist. Blumen und Freundschaften wachsen, wenn sie gepflegt werden. Genauso ist Selbstfreundschaft ein lebenslanger Prozess der Pflege. Es geht jeden Tag aufs Neue darum, sich selbst und das Leben anzunehmen. Es geht darum zu identifizieren, was dir als Individuum im Leben wichtig ist und dich davon leiten zu lassen.

Wie geht es dir jetzt?